The Economy of Experience

The Economy of Experience
Maurits den Held

Steht dem Salone eine Zeitenwende bevor? Während etablierte Marken in aufwändig gestalteter temporärer Architektur seriös Business in den Mailänder Messehallen betreiben, tummeln sich die Jungen Wilden vor deren Toren auf dem Fuori Salone, der parallel stattfindenden Design Week im Mailänder Stadtraum. Längst, so scheint es, tobt der wahre Hype in den prachtvollen Palazzi von Brera oder den Industriegebäuden der Zone Tortona und stiehlt so manchem schicken Messestand die Schau. Vitra ging auf Nummer sicher und präsentierte die Kollektion auf dem Salone del Mobile, während die Marke erhielt mit der Installation Typecasting von Robert Stadler in der ehemaligen Sporthalle La Pelota eine weitere Bühne auf dem Fuori Salone erhielt — den Applaus erntete letztere. Eines der Highlights im angestammten Ambiente war neben Arper, die Hülle und Raumstruktur des sehr gelungenen Standes von 2017 aufgriffen und neu bespielten, der starke Auftritt von USM Haller, gestaltet von UN Studios, der in den Kategorien Best Use of Material und Trade-Fair Stand of the Year zweifach mit dem Frame Award Milan ausgezeichnet wurde.

Die Outdoor-Highlights

Vor allem im Rahmen des Fuori Salone präsentierten sich in diesem Jahr erneut etliche Marken, die mit Interior Design im engeren Sinne nichts zu tun haben — eine Tendenz, die der weltgrößten Design-Schau in jüngerer Vergangenheit Schmähungen wie „Salone del Marketing“ eingebrachte. Dies wiederum führte dazu, dass sich die Salone-Organisierenden offenbar veranlasst sahen, zum Auftakt der 57. Auflage ein Manifest zu verfassen, das die Design-Gemeinde auf den eigentlichen Kern dieser im besten Sinne wahnsinnigen Woche einzuschwören. Natürlich versuchten dennoch zahlreiche Unternehmen vom Automobilkonzern über Modelabels bis hin zum E-Zigarettenhersteller, in diesem Kontext Aufmerksamkeit zu generieren — ein Unterfangen, das an sich schon einiges an Kreativität erfordert angesichts einer schier unüberschaubaren Konkurrenz an Installationen, Ausstellungen, Inszenierungen und Aperitivos.

Cos etwa wartete mit einer Spiegelinstallation in Kollaboration mit Phillip K. Smith III im Palazzo Isimbardi auf, die sich durchaus durch ihre Ästhetik, vor allem aber durch eine hohe instagrammability auszeichnete. 

Digitaler Crossover

Ähnliche Triebkräfte waren bei der Google Softwear-Show zu vermuten hier verschmolzen Google smart speaker, VR-Brillen und Kopfhörer in den Räumen der Galerie von Rossana Orlandi mit Alltagsgegenständen, Kleinmöbeln und Accessoires zu hübschen, harmlosen Stilleben in Pastell.

Diese dienten einerseits gewissermaßen retrospektiv als Beweisführung für eine Vorhersage der Trendforscherin Li Edelkoort aus dem Jahr 1998, dass digitale Medien selbstverständlicher Bestandteil unseres Lebens werden würden, zum anderen als Vorgeschmack darauf, was das Zukunftsinstitut um Matthias Horx als „Real-Digital“ bezeichnen: Die Auflösung der Dichotomie von digitalem Trend und analogen Gegentrend, hin zu haptisch und ästhetisch ansprechenden Hybriden, die sich in diesem Fall als künstlich intelligente Hausgeister nahtlos, unsichtbar und scheinbar diskret in Interieur und Alltag integrieren.

Meditieren auf norwegisch

Zutiefst humanes Design gab es in der Zone Tortona bei der Norwegian Presence von u.a. Vestre, Northern oder des Osloer Studios Elementa zu entdecken. Dessen Gründer, ihres Zeichens Philosoph bzw. Linguist, stellen statt eines spezifischen Briefings eine ergebnisoffene Frage in den Raum. Designer und Künstler, die sich von der Frage angesprochen fühlen, entwickeln eine dingliche Antwort darauf. In Möbel oder Objekte übersetzt, werden daraus formschön schallschluckende Sideboards, ästhetisch ansprechenden Lichtquellen für Mensch und Pflanze oder flexible Tischlandschaften. Sehr sympathisch war auch Derive, eine Meditationshilfe im norwegischen Stil:, ein stilisierter Kiefernzapfen, mit dem man live in den norwegischen Wald hineinhorchen kann, wenn’s mal stressig wird, und natürlich der sehr passende Brand Ambassador Lövaman Oslo, eine Art wandelnder Wald. Ihn in eine Messehalle zu sperren, wäre wohl gegen seine Natur.

Text: Dr. Birgit Joest

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